Unternehmen  |   Jobs  |   Presse  |   Kontakt  |   Impressum
Polarflug
Polarflug    |     Offshore    |     Messflüge    |     Außenlastflüge    |     Rundflüge    |     IHB
 

Reisebericht Terra incognita – der sechste Kontinent 2010


Nur noch wenige Tage – dann geht erneut ein spannendes Abenteuer in der Forschungsgeschichte der Erkundung der Pole, die Forschungsreise ANT-XXVI/3 (25.01. – 07.04.2010) des deutschen Forschungseisbrechers POLARSTERN durch die Antarktis zu Ende.

Antworten auf viele ungelöste Fragen um den Eisschild der Westantarktis war das Ziel dieser Forschungsreise. Wie hat sich dieser Eisschild im Verlauf der Erdgeschichte entwickelt? Warum erfährt ein Teil des Eisschildes im Bereich der Amundsensee zurzeit einen enormen Rückzug? Gab es in der Vergangenheit Phasen, in denen der Eisschild vollständig abgeschmolzen war? Das waren die vordringlichen Fragen, welche die Wissenschaft und damit auch uns, die personell überschaubare Flightcrew von HELI SERVICE INTERNATIONAL auf dieser Expedition beschäftigt haben. Zwei Hubschrauber des Typs BO 105 der Firma HELI SERVICE INTERNATIONAL GmbH mit Sitz in Bremerhaven, sind während den Polarexpeditionen des Alfred-Wegener-Institutes (AWI) als Bordhubschrauber auf dem Forschungs- und Versorgungseisbrecher POLARSTERN stationiert.

Die Antarktis - eine den meisten Menschen nur aus den Medien bekannte Landschaft, schier endlose Wasserflächen, Kälte, Eis und Schnee, taghelle Nächte lassen einen ein wenig nachempfinden, welche unbeschreiblichen Strapazen sich die mutigen Forscher am Anfang des letzten Jahrhunderts bei ihren ersten Reisen in diese unwirtliche, lebensfeindliche Gegend aus freien Stücken auferlegten – getrieben nur von Wissensdurst und von dem Drang, ein wenig Licht in die Geheimnisse des sechsten Kontinents zu bringen. Der Gedanke, dass wir die gleichen Seewege benutzten wie diese mutigen Menschen, erfüllt mit tiefem Respekt – Respekt, Bescheidenheit und Demut, den diese Landschaft und die Tierwelt jedem abverlangen, der hierher kommt. Das Land unter dem „Sternbild des großen Bären“ ist nur mit Superlativen zu beschreiben - die kälteste, windigste, vermeintlich ödeste und abgelegenste Region unserer Erde, in deren Randgebieten sich ehedem nur Robben- und Walfänger mit ihrem unseligen Handwerk sowie Draufgänger herumgetrieben haben. Im antarktischen Sommer mit vorherrschenden -5°C Außentemperaturen, in dem die Hälfte des Eispanzers abgeschmolzen ist, treiben riesige Eisschollen und Tafeleisberge, oft genug von Adelie-Pinguinen und Robben als Wohnsitz auf Zeit in Beschlag genommen, durch den südlichen Ozean. Wie ein mächtiger natürlicher Schutzwall umspannt die antarktische Konvergenzzone, in der sich wärmeres und daher leichteres Wasser von Norden her keilförmig auf die kalten polaren Wassermassen schiebt, die um den Südpol gelegenen Land- und Meeresgebiete. Daher jagen von Westen her ununterbrochen stürmische Winde rund um den Globus und keine Landmasse stellt sich ihnen als Hindernis in den Weg.

Im Zentrum dieser Region liegt der Kontinent Antarktika, auch Südkontinent genannt, der jedem Besucher dieses Wasser- und Landstriches erst einmal die Querung des berüchtigten Sturmgürtels der `Roaring Fourties, Furious Fifties und der Screaming Sixties´ abverlangt. Aber wer per Schiff, wie die meisten, in diese Gegend und anschließend auch wieder nach Hause will, muss da wohl durch!

Die Region der Antarktis ist nicht auf Durchreisende eingerichtet. Sie scheint eher jedem Besucher ihren abweisenden, zugleich faszinierenden Charakter zu zeigen, die ablehnend kühle Schulter als Zeichen der ihr eigenen Würde, das verführerisch reizvolle Antlitz einer unnahbaren Diva? Dieses Land ist ein einziger klimatischer Extremfall, der jeden Flug im Auftrag der Wissenschaft mit der Spannung eines Kriminalromans untermalt. Das Wetter lässt sich in diesen Breitengraden nie richtig vorhersagen, geschweige denn in den Griff bekommen. So ist die seherische Gabe unserer Bordmeteorologie geradezu bewundernswert, die aus Eiskarten, Ballonaufstiegen und einigen Satellitenbildern ein Flugwetter zaubert, das sowohl jeden Flug ermöglicht, als auch jeden Flug verhindern kann. Meist sind alle winterlichen `Hazards´ in mal mehr, mal weniger ausgeprägter Form enthalten, von Vereisung über Schneefall und gefrierendem Niederschlag bis Nebel, Dunst, tiefe Untergrenzen, Flugsichten in allen möglichen Sichtweiten. Am einfachsten erscheint noch die Vorhersage für die Gebiete, die wir mit dem Schiff bereits passiert haben.

Mehrere Hundert Flugstunden wurden während dieser Forschungsreise geleistet, der weit überwiegende Anteil davon, nämlich 22.800 km Messflugstrecke mit der Magnetfeldsonde HELIMAG, die am 30 m langen Trageseil in exakt 300 ft MSL (Mean Sea Level) über möglichst lange Flightlegs von bis zu 120 NM (Nautische Meilen), einfach, geflogen wird (Bild 1). Die Sonde zeichnet die unterseeischen Magnetanomalien der Erdkruste in einer Geschwindigkeit auf, wie sie nur mit einem fliegenden Trägersystem erreichbar ist. Zwei junge Wissenschaftler, die Diplomandin Astrid und der Doktorand Florian, bedienen die eingerüsteten Aufzeichnungsapparaturen während des Fluges und sind für die Auswertung der Messergebnisse zuständig. Die Länge des Trageseils gibt zugleich das Minimum der Wolkenuntergrenze vor, ist die Sonde doch trotz des stolzen Gestehungspreises von 120.000.- € keinesfalls wasserdicht ausgelegt. Ein Eintauchen ins Meer würde sie wohl unwiederbringlich zerstören. Bei nahezu jedem Flug schwebt das Damoklesschwert der oft unvorhersehbaren Wetterunbilden über dem Hubschrauber.

Ein Auszug aus dem Flugwetter Nr. 026 vom 23. Februar 2010:
„POLARSTERN befindet sich am Südwestrand eines Tiefs 962 hPa bei 69S / 121W, das Lage und Intensität zunächst nur wenig ändert. Gebietsweise aufgelockerte, meist stärkere Schicht-, teils Schichthaufenbewölkung und daraus strichweise Schnee oder auch lokal gefrierender Sprühregen mit erhöhter Vereisungsgefahr. Vereisung: Im Niederschlag mäßig, teils stark.

Wassertemperatur: -1,6° C, Windchill-Temperatur: - 18° C“. Es kommt wie es kommen muss: Der Flug weit hinein in die wolkenverhangene, geschlossene Packeisdecke der Amundsensee gerät zum Erlebnis mit bleibendem Erinnerungs-, aber auch unersetzlichem fliegerischem Erfahrungswert. Kleine dünne Wasserrinnsale auf den Cockpitscheiben, die vom Fahrtwind angetrieben zu den Seiten abfließen, lassen aufatmen – nur feuchter Niederschlag? Langsam aber stetig bleiben die Niederschlagströpfchen an der Bubble haften, der beruhigend fließende Strom der kleinen Wasserrinnsale kommt zum Erliegen. Beginnend am Mittelholm gefrieren die Wassertröpfchen auf der Cockpitverglasung zu einem geschlossenen, milchigen, undurchschaubaren Überzug, der jegliche Flugsicht durch die Frontverglasung nehmen würde – wenn man nicht sofort eine Alternativroute wählt, oder den Einsatz spätestens jetzt abbricht - den sicheren Heimatflugplatz, das Helideck der POLARSTERN ansteuert. Die sichtraubende Eisschicht auf der Cockpitverglasung würde naturgemäß solange erhalten bleiben, wie die Umgebungstemperaturen unterhalb des Gefrierpunktes liegen – und sie liegen in diesen Regionen fast immer unter dem Gefrierpunkt. Erschreckend die Vorstellung, mit vereistem Cockpit durch die in einen dunkelgrauen tiefen Wolkenschleier gehüllte Eislandschaft zu fliegen, keinerlei Konturensicht durch die Frontscheiben, ungetrübte Flugsicht nur noch durch die Seitenfenster? So ziehen wir, Astrid, alias Miss HELIMAG und der belgische emeritierte Ökologieprofessor Claude, Hüter der antarktischen Tierwelt, den sofortigen sicheren Rückflug vor. Die Magnetfeldsonde, die unseren Flugweg exakt 30 m tiefer getreu nachvollzieht, verhindert jede weitere Verringerung der Flughöhe. Unbarmherzig blitzt die Warnlampe des Radarhöhenmessers in die Augen, die eigentlich konzentriert auf die Außenwelt gerichtet sind. Bohrende Fragen quälen die Gehirnwindungen: Wie hoch darf ein unerkannter Eisberg sein, ohne unsere Außenlast zu streifen oder gar zu verschlingen? Außenlandung im konturenlosen Eis und HELIMAG im Cargo Compartment der BO 105 verstauen ? Unsere beiden Bordmeteorologen Max und Hartmut haben wieder einen meteorologischen Volltreffer gelandet. Ungeachtet der meteorologischen Erscheinungsformen bleibt die Landung auf dem Helideck der POLARSTERN immer spannend (Bild 2). 60 m über dem Helideck ist der Anflug beendet, die Magnetfeldsonde hat immer das Vorrecht der ersten Landung (Bild 3). 60 m über dem Schiff im Schwebeflug außerhalb des `Ground Effects´ bleiben, auch bei freier Cockpitsicht nach außen, nur noch wenige Fluglagereferenzen zum stetig vorwärts strebenden Landefeld. Aber auch die spärlichen Referenzpunkte, wie der gewaltige Kamin des Schiffes, oder der Antennenturm sind in ständiger Bewegung – Rollen und Stampfen, folgen dem wiederkehrenden Auf und Ab der Wellen und Gezeiten. Unsere technische Bodenkontrolle Markus und Fabian sind unsere Augen zur Außenwelt, denen wir bei der HELIMAG-Landung auf Gedeih´ und Verderb´ ausgeliefert sind.

Unvergessen die faszinierenden, unverfälschten Naturbilder während der geologischen Steinesammelmissionen auf dem Vulkanberg Mount Murphy (Bild 4), auf der Kohler Range, den Shepard-Islands, auf der Clark-Insel inmitten der Pine-Island-Bay oder auf zwölf namenlosen Inseln, die wohl noch nie von Menschen betreten wurden. Die eigentlichen Grundbesitzer dieser Inseln sind die Adelie-Pinguine, die breite Landstriche an Robben und Skuas untervermietet haben. Nur kurz lassen sich die stets korrekt vornehm in schwarz-weißen Roben gekleideten Vogeltiere von dem Heulen der Triebwerke erschrecken, um sich sofort nach der Landung für die ungewohnten Neuankömmlinge zu interessieren. Selbstbewusst, leicht vornüber gebeugt, watscheln sie den ungewöhnlichen Besuchern entgegen, stellen sich in aufrechter Körperhaltung vor: „Gestatten – Pinguin …“. In Kleingruppen sammeln sie sich vor dem seltsamen Fluggerät und dessen Insassen, die nicht aus dieser antarktischen Welt stammen können. Sie unterhalten sich miteinander, sie sprechen eindeutig über uns. Machen sie sich etwa über unsere roten Pinguin-Anzüge lustig?… wie unpassend, rote Garderobe, meist viel zu groß geraten für die zierlichen Staturen ihrer Träger. Ihr schelmisches Flügelschlagen, ihr betretenes Abwenden der Blicke entlarvt ihre Gedanken: Pinguine besitzen kein hohes Bild von dieser anderen Art der Zweibeiner. Bäuchlings schwimmen und rutschen sie in ihren eisigen, glattpolierten Bewegungspfaden zurück zu ihrer Kolonie, um den neuesten Kolonietratsch weiter zu tragen. Aber wartet nur – wir revanchieren uns: “Nicht richtig laufen, geschweige denn fliegen zu können…Ihr stinkt unsäglich…!!!“ Nur gut, dass der beständige starke Wind ununterbrochen für Frischluftzufuhr sorgt, schnüren die penetranten Pinguingerüche doch jedem Inselbesucher die Atemluft ab (Bild 5).

Die gesammelten Eindrücke der Naturerlebnisse sind allerdings nicht nur romantisch verklärt schön – hautnah unverblümt erleben wir auch die Natur in ihrer ganzen Grausamkeit. Skuas, große Raubmöwen, greifen sich die Pinguinküken – überall auf den Inseln liegen die Reste der Gelage, Gerippe, Pinguinfüßchen... Und viele müssen wohl auch dem extremen Klima den höchsten Tribut zollen. So abschreckend brutal es anzuschauen ist, wenn sich die gefiederten Leichenfledderer um die besten Stücke behacken - auch die Skuas sind nur ein Glied in der Nahrungskette, brauchen etwas zum Fressen. Sie sind die Gesundheitspolizisten der Inseln. Herden von Minkwalen, manchmal auch Buckel- oder Blauwale, oder gar so rare Exemplare wie der „Arnoux Beaked Wale“ ziehen ihre Bahnen im Meer auf der Suche nach den reichen Krillvorkommen. Orcas, die großen Killer- oder auch Mörderwale genannt, umstreifen in Kleingruppen die flachen Gewässer um die Robben- und Pinguininseln. Es spricht sich schnell wie ein Lauffeuer unter den Inselbewohnern, den Pinguinen und Robben, herum, wenn Orcas auf Beutezug sind. Jede Kreatur versucht den Sprung auf das rettende Ufer. Im offenen Gewässer bewegen sich die gefürchteten Jäger zielstrebig, gleiten elegant durch das Wasser wie eine Schlachtkreuzerformation, einer hinter dem anderen. Bei einer Gruppe Minkwale steigen große Blutfahnen, dem Rauchschlot eines unterseeischen Vulkans ähnlich, an die Wasseroberfläche. Ganz in der Nähe hatten wir sieben Orcas gesichtet, die wohl ein Opfer gefunden hatten.

Unverfälschte Natur pur wird so hautnah intensiv erlebt, komprimiert auf die Linien zwischen den unzähligen GPS-Wendepunkten (GPS-Global Positioning System) und begrenzt auf die überschaubare Anzahl der land- und wasserlebenden Tierarten in der Antarktis. Wie viel Naturschauspiel wurde uns vorenthalten in Anbetracht der gigantischen Ausmaße des Eiskontinents, des zweitgrößten Kontinents nach Asien? Unzweifelhaft ist sie womöglich das letzte weitgehend unberührte Paradies auf Erden - oder doch die größte Eiswüste? Mit mehr als 95% Eisbedeckung des Festlandssockels, die trotz modernster Vermessungsmethoden auch heute noch den genauen Verlauf der Uferlinien als ungelöstes Geheimnis tief im Eis verbirgt, fällt der paradiesische Vergleich eher abstrus aus. Und doch ist sie für die Menschen ein Paradies mit ihrer unbeschreiblichen Naturvielfalt, ein äußerst verletzliches eisiges Biotop – und eben nicht nur das Trinkwasserresservoir für zukünftige Menschheitsgenerationen. Bleibt zu wünschen, dass das antarktische Ökosystem als wohlbehütetes Forschungsgebiet erhalten wird und nicht dem profanen Gewinnstreben der Menschen durch Tourismus, Fischfang und Rohstoffabbau anheimfällt.

Neben unzähligen Flugstunden für unsere steinesammelnden Geologen haben wir 22800 km (12311 NM) – mehr als die Hälfte des Erdumfanges – mit der BO 105 und der HELIMAG-Sonde antarktische Regionen durchmessen, ohne jegliche technisch bedingte Ausfälle an den Hubschraubern. Auch nach der erfolgreichen Zusammenarbeit in mehr als 50 Polarexpeditionen auf der Suche nach der Entschlüsselung der eisigen Geheimnisse ergänzen sich auch heute noch der mit zwei Triebwerken ausgestattete Hubschrauber BO 105 und das Schiff in idealer Weise, auch und gerade in den extremen Umgebungsbedingungen der polaren Regionen.

Klaus Hammrich
HELISERVICE INTERNATIONAL GmbH

Bild 1: Start mit der Magnetfeldsonde
(Jürgen Gossler)

Bild 2: HELIMAG-Landung
(Klaus Hammrich):

Bild 3: Landeanflug auf den Forschungseisbrecher POLARSTERN
(Jürgen Gossler)

Bild 4: Landung auf dem Mt. Murphy (2703m)
(Klaus Hammrich)

Bild 5: Ungewöhnlicher Besuch
(Klaus Hammrich)



Kontakt

Telefon:  +49 (0)471 / 9 52 11-0  
E-Mail: